GlossarLackschichtdickenmessung
Kfz-Glossar · Schadengutachten

Lackschichtdickenmessung

Die Lackschichtdickenmessung ist eine zerstörungsfreie Prüfmethode, mit der die Gesamtstärke des Lackaufbaus an verschiedenen Stellen eines Fahrzeugs gemessen wird. Sie ist ein wesentliches Werkzeug zur Erkennung von Reparaturlackierungen und Vorschäden.

Einfach erklärt

Die Karosserie eines Serienfahrzeugs verlässt das Werk mit einem definierten Lackaufbau. Dieser besteht typischerweise aus mehreren Schichten: Grundierung (Primer), Füller, Basislack und Klarlack. Die werksseitige Gesamtschichtstärke liegt je nach Hersteller und Fahrzeugklasse im Bereich von ca. 80–200 Mikrometern (µm).

Wird ein Bauteil nach einem Unfall repariert und neu lackiert, kommt eine weitere Lackschicht auf den vorhandenen Aufbau. Je nach Reparaturumfang steigt die Gesamtschichtstärke erheblich an – oft auf 250–400 µm oder mehr. Wird vor der Neulackierung gespachtelt, kann die Schichtstärke noch weiter zunehmen.

Der Sachverständige nutzt ein elektronisches Schichtdickenmessgerät, das berührungslos oder mit leichtem Kontakt arbeitet. Es misst die Schichtstärke in Mikrometern und gibt so ein flächiges Bild des Lackzustands über das gesamte Fahrzeug.

Bei einer Fahrzeugbegutachtung werden in der Regel an jedem Außenbauteil mehrere Messpunkte genommen. Die Messwerte werden protokolliert und mit den werksseitigen Referenzwerten verglichen.

Was die Messwerte aussagen:

  • Werte im werksseitigen Normalbereich: Kein Hinweis auf Reparaturlackierung – Bauteil vermutlich unberührt.
  • Erhöhte Werte (ca. 250 µm und mehr): Hinweis auf Nachlackierung – Reparatur oder kosmetische Aufbereitung.
  • Sehr hohe Werte (400 µm und mehr): Hinweis auf Spachtelarbeiten – möglicher Schaden unter der Oberfläche.
  • Stark unterschiedliche Werte innerhalb eines Bauteils: Teillackierungen oder Übergangszonen sichtbar.

Wussten Sie schon?

Nicht jede erhöhte Lackschichtstärke bedeutet zwingend einen reparierten Unfallschaden. Auch ab Werk können punktuell erhöhte Werte vorkommen, und manche Fahrzeuge wurden vor dem Verkauf kosmetisch aufbereitet. Entscheidend ist die Gesamtbetrachtung aller Messwerte im Kontext der Fahrzeughistorie.

Technisches Messprinzip

Moderne Schichtdickenmessgeräte arbeiten nach dem Wirbelstrom- oder Magnetinduktionsprinzip:

  • Magnetinduktion: Geeignet für nicht magnetische Schichten (Lack, Spachtel) auf ferromagnetischen Untergründen (Stahl). Die häufigste Methode bei Stahlkarosserien.
  • Wirbelstromverfahren: Geeignet für nicht leitfähige Schichten auf nicht ferromagnetischen Metallen wie Aluminium. Relevant bei modernen Leichtbaukarosserien mit zunehmendem Aluminiumanteil.

Die Messgeräte sind kalibriert und liefern präzise Werte in Mikrometern (µm). Die Messung erfolgt berührungslos oder mit minimalem Kontaktdruck und hinterlässt keine Spuren am Fahrzeug.

Ein vollständiges Schichtdickenprotokoll umfasst Messpunkte an:

  • Motorhaube (Mitte, Kanten)
  • Dach
  • Alle Türen (Außenhaut, Türunterkante)
  • Kotflügel
  • Seitenteile / Heckklappen
  • Stoßfänger (nur bei Kunststoffteilen bedingt aussagekräftig)
  • Optional: Schweller, Dachrahmen

Das Messergebnis wird immer im Kontext betrachtet: Herstellerangaben, Fahrzeugtyp, Baujahr und bekannte Vorschäden aus der Fahrzeughistorie fließen in die Bewertung ein.

Typische Streitpunkte

Versicherungen und Verkäufer argumentieren bei erhöhten Schichtstärken teils, diese stammten von einer kosmetischen Aufbereitung oder einem Steinschlagreparaturset, nicht von einem Unfallschaden. Ein Schichtdickenprotokoll allein reicht nicht immer aus – es muss mit Sichtbefund, Lichtprüfung und Fahrzeughistorie kombiniert werden.
Bei Gebrauchtwagenstreitigkeiten: Wurden erhöhte Schichtstärken festgestellt und war ein Unfallschaden vertraglich ausgeschlossen, stellt sich die Frage der Arglistigkeit des Verkäufers. Der Sachverständige kann technisch darlegen, ob die Lackierung auf einen relevanten Schaden hindeutet.
Bei der Schadenabgrenzung zwischen Alt- und Neuschadenteilen: Erhöhte Schichtstärken am beschädigten Bauteil können darauf hinweisen, dass in diesem Bereich bereits ein Vorschaden vorlag, der den Schadensersatzanspruch mindert.

Praxisbeispiel

Ein Gebrauchtwagenkäufer beauftragt vor dem Kauf eines fünf Jahre alten Mittelklassewagens eine Fahrzeugbewertung. Der Sachverständige misst an der linken vorderen Tür Schichtstärken von bis zu 420 µm, während alle anderen Bauteile im werksseitigen Normalbereich von 90–140 µm liegen. Das deutet auf eine vollständige Neulackierung der Tür hin, möglicherweise nach einem Seitenschaden. Der Kauf wird daraufhin zu einem reduzierten Preis verhandelt, da ein reparierter Unfallschaden nicht auszuschließen ist.

Tipp vom Gutachter

Bestehen Sie beim Gebrauchtwagenkauf auf einer Schichtdickenmessung – unabhängig davon, ob der Verkäufer einen Unfallschaden angibt. Die Messung dauert ca. 15–20 Minuten und liefert objektive, dokumentierbare Erkenntnisse über den Lackzustand. Sie ist eine der effektivsten Methoden, um versteckte Vorschäden zu erkennen.

Wichtiger Hinweis

Jeder Schadenfall ist individuell zu bewerten. Die Inhalte dieser Seite dienen ausschließlich der allgemeinen Information und stellen keine Rechtsberatung dar. Für eine rechtliche Beurteilung im Einzelfall wenden Sie sich bitte an einen Rechtsanwalt.

Ihr Kfz-Gutachter im Main-Tauber-Kreis

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